In den letzten beiden Beiträgen erzählte ich ja bereits von meinem Weg von der sportverweigernden Studentin zum Café Kraft Fan und von da zu meinen Anfängen am Fels. Heute soll es um meinen ersten Kontakt mit Klettergraden gehen.
Ich hatte also langsam Interesse daran gefunden, verschiedenste Routen hochzulaufen. Welche das waren, war mir eigentlich egal. Ich kletterte einfach die gleichen Routen die meine Klettergruppe kletterte. Oder ich probierte es zumindest… Ich hatte keine Ahnung ob das leicht oder schwer war. Es fühlte sich auf jeden Fall schwer an. Aber das lag wohl an meiner nicht vorhandenen Technik.
Eines Tages saß ich mit zwei Schrauberkollegen im Café Kraft. Einer dieser Kollegen war Tom Kranz, der Chefschrauber aus meiner Lieblingsboulderhalle. Er war begeistert, dass ich endlich mit dem Felsklettern angefangen hatte und wollte gerne wissen, wie schwer ich denn schon kletterte.
Gute Frage. Ich hatte eigentlich keine Ahnung.
Nach einem Blick in den Kletterführer konnte ich ihm sagen, dass ich scheinbar schon ein paar Sachen im unteren 7. Grad geklettert war. Er meinte, ich könnte mit meiner Boulderkraft sicher schon eine 9- klettern, wenn ich denn eine finde, die mir liegt. Voller Begeisterung erzählte ich das meiner Klettergruppe. Tom hatte immerhin schon einiges an Erfahrung zu bieten und er musste es ja wissen.
Mein kletternder Kollege aus der Neurochirurgie belächelte mich mitleidig. „9-? Lena, fang jetzt erstmal an und lern wie man sich eigentlich einbindet. So schnell geht’s dann auch wieder nicht“.
Damit spornte er mich natürlich an.
Von einem der Café Kraft Gründer wurde mir von einer Route namens „Red Porsche Killer“ erzählt. Keine weiten Hakenabstände, nicht hart für den Grad, ziemlich kurz. Das klang gut. Einen Tag später packte ich meinen Boulderpartner Stefan ein und wir fuhren zur Werner Brösel Wand.
Ich musste um 15:30 Uhr zur Spätschicht in der Klinik sein, aber vorher sollte ja genug Zeit sein.
Ich hatte überhaupt keine Ahnung, wie man projektiert. Ich band mich ein und kletterte einfach los. Und damit begann ich zu stürzen. Ich war bis dahin noch nicht gestürzt. Ich hatte mir abgeschaut „zu“ zu sagen, wenn ich nicht mehr weiterwusste. Jetzt wollte ich einfach da hoch und dachte nichts anderes. Völlig kopflos kämpfte ich mich die Route hoch. Ich kam auch oben an. Aber ich hatte mir keinen einzigen Zug gemerkt.
Also wieder runter. Und wieder von vorne. Stefan hatte sich ein bisschen was gemerkt und sagte mir ein paar Züge an. So konnte ich immerhin ein bisschen was zusammenhängen.
Das motivierte mich. Ich wusste nicht, dass es auch mal mehr als einen Tag dauern konnte, bis man eine Route klettert. Mein Wecker klingelte bereits. Ich sollte langsam in die Klinik aufbrechen. Aber ich versuchte es nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Natürlich waren meine Arme schon vollkommen kraftlos, da ich die Route ja bereits drei Mal mehr oder weniger zusammenhängend hochgeklettert war.
Ich fiel nun dauernd um den ersten Haken herum.
Einmal sogar auf den Boden, da ich vor lauter „ich will da jetzt unbedingt hoch“ vergessen hatte, den zweiten Haken zu clippen.
Da nahm Stefan mir das Seil Weg und sagte, ich müsste jetzt arbeiten gehen.
Fand ich nicht so toll. Aber er hatte ja Recht.
Von unterwegs rief ich meinen Oberarzt an, dass es ein paar Minuten später werden könnte. Er lachte und fragte nur „Sie hängen doch sicher grad an einem Arm irgendwo am Fels und wollen einfach noch nicht aufhören, oder?“.
In der Klinik war ich innerhalb kürzester Zeit bekannt für meine Klettersucht geworden.
Die folgenden Tage wurden sehr hart für meine Kollegen. Wann immer ich Zeit hatte, erzählte ich den Schwestern, der Putzfrau, der Dame die mich mit Kaffee versorgte, den Oberärzten, den Patienten… Eben einfach jedem, der nicht schnell genug so tat als hätte er keine Zeit, vom „Red Porsche Killer“. Ich hatte die Züge jetzt doch halbwegs im Kopf. Und jeder, ob er denn nun kletterte oder nicht, bekam jeden Zug bis ins letzte Detail erklärt.
Nach 12 Tagen Dienst verließ ich morgens um 10 Uhr die Klinik und rief Stefan an. „Stefan, ich hab‘ endlich frei! Können wir heute bitte meine erste 9- klettern?“ Schlafen konnte ich eh nicht. Ich hatte nun 12 Tage lang alle mit dieser Route genervt. Ich war viel zu aufgeregt um ins Bett zu gehen.
Wir trafen uns am Parkplatz und liefen gemeinsam los. Im ersten Versuch fiel ich irgendwo in der Mitte. Das war blöd. Aber ich musste mich ja erst wieder an die Züge gewöhnen. Und viel zu nervös war ich auch.
Optimistisch versuchte ich es ein weiteres Mal. Und fiel ganz oben zwischen dem letzten Haken und dem Umlenker. Ich hatte vergessen, wo ich meinen Fuß hinstellen musste und erreichte den rettenden Henkel nicht.
Deprimiert saß ich am Boden. Vielleicht konnte ich ja doch nicht 9- klettern.
Stefan überredete mich zu einem Spaziergang. Um den Kopf freizubekommen.
Nach einer halben Stunde traten wir den Rückweg an. Ich band mich erneut ein. Viel ruhiger und konzentrierter begann ich zu klettern. Der erste Clip hatte schon immer gut funktioniert. Der zweite war immer etwas wackelig. Aber dieses Mal stand ich wohl besser und der Clip bereitete mir keine Probleme. Das gab mir Selbstvertrauen für die nächsten Züge. Problemlos kletterte ich über die kratzige Stelle in der Mitte. Vor dem Zug zu dem Henkel kamen nochmal kurz Zweifel auf. Immerhin war ich vorher genau an dieser Stelle rausgefallen. Ich atmete tief durch, stelle meine Füße dahin wo sie hingehörten und setzte zum Zug an. Ich erreichte den Henkel. Und hatte es damit geschafft.
Die Glücksgefühle waren unbeschreiblich. Ich war die Route nicht einfach so geklettert. Ich musste daran arbeiten, den Umlenker zu clippen. Und die Arbeit hatte sich gelohnt.
Ich erzählte damals immer, dass das Gefühl den letzten Henkel in der Hand zu halten besser war, als meine Approbation überreicht zu bekommen.
Ich erinnere mich mittlerweile kaum noch daran wie es war, mein Studium abzuschließen. Aber ich glaube ich war damals relativ gleichgültig. Ich war schon froh, keine Prüfungen mehr zu haben. Aber ich hatte irgendwie nicht das Gefühl, etwas Tolles erreicht zu haben. Ich hatte mein Studium abgeschlossen. Dafür musste man halt lernen. Aber meine Grenzen verschoben hatte ich damit nicht.
Mit dem letzten Henkel meiner ersten 9- in der Hand war das ganz anders. Ich war so unendlich froh. So stolz. Ich hatte es wirklich geschafft, meine Sturzangst „wegzustürzen“… Wenige Wochen vorher wurde mir schon vom Gedanken an ein Kletterseil schwarz vor Augen. Und ich hätte nie gedacht dass ich diese Angst jemals überwinden würde.
Diese Glücksgefühle waren wohl auch der Grund dafür, dass ich mich nun immer mehr auf’s Klettern stürzte. Ich wälzte wann immer ich konnte meinen Kletterführer und verbrachte jede freie Minute in der Fränkischen Schweiz.
Und natürlich wollte ich mehr. Und wie kann man besser das eigene Limit finden, als einfach mal den nächsten Grad auszuprobieren? Statt (wie es sinnvoll gewesen wäre) am Fundament zu arbeiten, suchte ich mir als nächstes eine glatte 9 aus.
Aber das soll eine andere Geschichte werden.
Sehr schön und interessant geschrieben!
Hast du weiter Routen im unteren 9. Grad die du empfehlen kannst?
Lg Flo
Hey Flo, also am schönsten fand ich bisher eigentlich die 1,2,3 im Sauseschritt am Sprungstein! Etwas steiler und auch ziemlich cool wäre die Liebesmüh am Planetarium. Kann ich beide auf jeden Fall empfehlen.
Liebe Grüße