Und so brach ich mir also ein Bein…

Ganz genau erinnere ich mich gar nicht mehr, wie’s mit der Kletterei bei mir angefangen hat.

2009 begann ich mein Studium in Regensburg. Einer meiner Kommilitonen fragte, ob ich nicht mal Lust auf Klettern hatte.

Eigentlich nicht. Aber irgendwie waren Kletterer ja schon ganz cool. Und um Freunde in der neuen Stadt zu finden, konnte es auch nicht schaden. Also probierte ich’s eben aus.

Wir gingen in die Kletterhalle der Sportuni. Da gab es ein paar nicht so hohe Wände, an denen ein paar nicht sehr griffige Griffe und alte Toprope-Seile hingen. Das erste Mal kam ich nicht mal die einfachste Route hoch. Die Kletterschuhe taten weh und ich fühlte mich wie ein nasser Sack. Ich habe keine Ahnung, warum ich nochmal mitgegangen bin. Bin ich aber. Und es hat irgendwie doch Spaß gemacht.

Kurz darauf war ich mit meinem damaligen Freund zu Besuch bei meiner Mutter. Wie schon erwähnt, kam ich ursprünglich aus Franken. Eigentlich hatte ich ja gar keine Lust rauszugehen. Aber wie man das am Anfang einer Beziehung so macht, probiert man halt Sachen aus. Ganz frisch verliebt packten wir also das alte Klettermaterial meines Bruders zusammen, um es mal mit Klettern am echten Fels zu versuchen. Mein Kommilitone hatte uns erklärt wie das mit dem Vorsteigen funktioniert. Das wandte ich gleich bei der ersten Route an.

Ging gut.

Bei der zweiten ging’s dann nicht mehr gut.

Der erste Haken steckte ziemlich weit oben. Und ich hatte keine Ahnung vom Klettern. Ich stürzte bevor ich den ersten Haken clippen konnte. Das war so bei 4 oder 5 Metern. Vielleicht war’s auch weniger, ich weiß es nicht. Hinterher kommt es einem immer höher vor. Mein Bein tat ziemlich weh. Aber wie ich es vom Reiten kannte: „Sofort zurück in den Sattel“, machte ich’s auch beim Klettern. Und meinen Freund beeindrucken wollte ich auch. So lange hatte ich ihn noch nicht, da konnte man noch so tun als sei man cool. Jung und dumm könnte man es auch nennen. Aber man will ja nicht urteilen…

Zwei leichte Routen kletterten wir noch, dann tat das Bein so weh, dass alle Coolness verflogen war und wir die Wanderung zurück zum Auto „antraten“. Oder eben humpelten. Am nächsten Tag war mein Bein doppelt so dick wie das andere und ich ging dann doch mal zum Röntgen.

Mein rechtes Wadenbein war gebrochen.

Das war’s dann im Jahr 2012 vorerst mit meiner Kletterkarriere. Mit Krücken trat ich mein Praktikum in einem Krankenhaus in Sambia an.

Ein paar Wochen später war ich zurück in Deutschland. Durch die wenige Bewegung und die vielen leckeren Muffins im Krankenhaus war ich ziemlich schwer geworden und wollte irgendeinen Sport machen. In Regensburg hatte gerade die Boulderwelt aufgemacht. Klettern in Absprunghöhe. Das hörte ich gut an. Also ging ich Bouldern. Und stellte mich schon bei der einfachsten Farbe eher nicht so talentiert an. Und schwer war ich auch. Glücklicherweise fanden sich immer mal wieder nette Boulderer, die mir Tipps gaben und so konnte ich mich schon bald auf die 2. schwerste Farbe steigern.

Bei einem Heimatbesuch probierte ich dann das berühmte Café Kraft in Nürnberg aus.

Ich war unendlich nervös als ich das erste Mal hinging. Ich hatte schon ziemlich viel darüber gehört. Und ich hatte große Sorge, dass man dort als blutiger Anfänger schief angeschaut werden würde.

Aber auch im Café Kraft fand ich schnell sehr nette Leute die mir halfen, meinen ersten grünen Boulder zu schaffen.

Lange gehörte ich zu den Neulingen, die fasziniert und still vor Ehrfurcht zusahen, wenn sich jemand an einen orangenen Boulder wagte, oder sich in einem grünen Boulder im Überhang aufwärmte. Warum waren die nur so fit??? Ich war nicht besonders fit, aber auf jeden Fall ein sehr großer Fan vom Café Kraft.

Als ich dann Ende 2014 für’s praktische Jahr zurück nach Erlangen zog, ging ich regelmäßig ins Café Kraft und wurde besser. Das spornte mich an und ich hing fast jede freie Minute im bekanntesten fränkischen Wohnzimmer rum.

Immer wieder wurde ich von Freunden aus der Boulderhalle gefragt, ob ich nicht mit zum Klettern an den Fels kommen wolle.

Wollte ich auf keinen Fall. Mit Seil klettern wollte ich nie wieder.

Ich überlegte mir Begründungen, warum das auch gar nicht nötig sei. Viele sahen mich schräg an, da ich auch bei schönstem Wetter lieber in der Halle boulderte, anstatt in die Fränkische Schweiz zu fahren.

Aber ich hatte panische Angst vor’m Seilklettern.

Ein sehr guter Freund und Kollege aus der Klinik nahm mich Anfang letzten Jahres trotzdem mal mit in die Kletterhalle. Er hängte ein Toprope in einen 6er ein und dann war ich dran. Ihm zuliebe versuchte ich es. Er hatte mir in der Klinik so viel beigebracht. Und ich wollte ihn wirklich nicht enttäuschen.
Nach ein paar Metern fing mein Herz an zu rasen. Meine Hände schwitzten und die großen Henkel wurden langsam rutschig. Ich dachte dauernd daran, dass mein Gurt reißen könnte. Oder das Seil. Oder die Wand unter meinem Gewicht zusammenbrach.

Warum machte die Wand eigentlich so komische Geräusche?

Ich sagte „zu“. Mein Kollege sagte „Lena spinnst du? Ich mach nicht zu. Kletter jetzt weiter. Das ist ein 6er, den kommst du locker hoch“.  Das war lieb gemeint. Aber in meinem Kopf ging einfach gar nichts mehr. Ich wollte wieder runter. Nach einiger Diskussion durfte ich wieder runter.

Und zog so schnell keinen Klettergurt mehr an.

Zurück in meine schöne Boulderhalle. Mittlerweile konnte ich auch schon ein bis zwei der roten Boulder, war Stammgast im Café Kraft und ging dort ein und aus wie in meinem eigenen Wohnzimmer. Ich konnte zu jedem Zeitpunkt dort auftauchen und es war immer jemand da, mit dem ich zusammen bouldern konnte.

Damit war ich völlig zufrieden. Ich arbeitete sehr viel und wollte in meinem Beruf viel erreichen. Wenn ich nicht arbeitete, war ich mit meinen Freunden beim Bouldern oder ging mit meinem Freund in die Berge zum Wandern.

Klar, wenn ich Videos vom Klettern draußen sah, wurde ich oft neidisch und dachte, dass ich auch gerne Klettern wollte. Aber allein der Gedanke an mich in einem Klettergurt trieb mir die Schweißperlen auf die Stirn.

Als meine Café Kraft-Bergkameraden schließlich eine WhatsApp-Gruppe für Verabredungen zum Klettern gründeten, sah ich regelmäßig ihre Verabredungen zum Klettern in der Fränkischen Schweiz.
Ich wollte auch Zeit mit ihnen verbringen. Also ging ich mit. Und sah zu. Klettern wollte ich nicht. Tat ich auch zuerst nicht. Aber beim Einkehren war ich immer sehr motiviert.

Einmal kletterte ich dann doch einen 4er im Vorstieg. Das ging, denn die Route erinnerte mich sehr ans Bergsteigen. Am gleichen Tag versuchte ich es noch im Toprope mit einer 6-.
Gleiche Situation wie damals in der Kletterhalle. Und noch dazu war der Fels eiskalt und die Route in meinen Augen viel zu schwer. Der Kletterspaß war also wieder nach 5 Metern vorbei für mich.
Meine unermüdlichen Bergkameraden hörten trotzdem nicht auf, mich zu motivieren. Sie hängten mir Routen ein und ich durfte im Nachstieg probieren. Egal wie schlecht ich war.
Immer fiel ihnen etwas Positives an dem ein, was ich da trieb.

Ich hatte zwar keine Ahnung und stellte mich sicher unendlich tollpatschig an. Aber langsam wurde meine Angst weniger. Und die Motivation wurde größer. Die anderne hatten so viel Spaß am Klettern, da musste doch was dran sein.

Ja und dann wagte ich mich tatsächlich an meine ersten „schwereren“ Routen im Vorstieg. Da war die Angst wieder zurück. Aber ich kletterte brav von Haken zu Haken. An jedem Haken machte ich scheinbar endlos Pause, um Kraft für die nächsten 1 1/2 Meter zu sammeln und auf keinen Fall zu stürzen.

Schließlich versuchte ich meine erste 7- am Röthelfels. Und mit der gleichen Methode (von Haken zu Haken) kam ich mit Herzrasen tatsächlich oben an. Mein Kletterpartner Thomas beglückwünschte mich ausgiebig (das was ich da tat war weit unter seinem Niveau, aber ich glaube er war trotzdem ziemlich stolz auf mich 🙂 ).

Überglücklich berichtete ich jedem, egal ob er es hören wollte oder nicht, von meinem großen Erfolg.
Mein Lieblingskollege sagte nur „Also, geklettert bist du eine Route erst dann, wenn du sie durchgestiegen bist. Ohne reinsetzen und so. Und auch nicht im Toprope“.

Oh. Das holte mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Ging ihm aber genauso. Die harte Schule seiner Frau nennt er das immer. Sie hatte ihm damals das gleiche niederschmetternde Statement zu seinem ersten Klettererfolg abgegeben. 🙂

Tja aber damit legte er den Grundstein für meine Kletterbesessenheit.

Ohne die Geduld und das Wohlwollen all der Kletterpartner, mit denen ich die ersten Male draußen war, wäre ich nie da wo ich jetzt bin. Ich hätte vermutlich immer noch Schweißausbrüche beim Gedanken an knarzende Seile.

Das ist das was man braucht, wenn man als Anfänger und Angsthase an den Fels geht. Menschen die einen motivieren und geduldig sind. Und sich mit einem freuen. Ganz egal wie groß oder klein der Erfolg ist.

Für mich war es damals ein riesiger persönlicher Erfolg, am Umlenker anzukommen. Ganz egal wie. Und das hat mein Kletterpartner erkannt und gewürdigt.

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