Nicht noch ein Blog…

Warum bloggen eigentlich so viele Menschen? Also… Ich teile mich auch sehr gerne mit. Aber einen Blog schreiben? Interessiert sich überhaupt irgendjemand für meine geistigen Ergüsse? Oder liest’s dann letztlich nur mein Bruder aus brüderlichem Pflichtbewusstsein?

Nun bin ich auch sicher keine Schriftstellerin. Ich war niemals gut darin, Worte zu Papier zu bringen. Meine Deutschlehrerin war froh als sie mich nach dem Abitur endlich los war. Und den Plan Reisejournalistin zu werden, habe ich auch schnell wieder aufgegeben. Man sollte dafür wohl zumindest ein bisschen Talent zum Schreiben haben…

Ich habe also erstmal mit Instagram angefangen. Dort wird schon immer mal wieder auf das was ich schreibe reagiert. Ein paar Leute scheint es ja also schon zu interessieren. Irgendwie wird allerdings langsam der Platz unter meinen Instagram-Bildern etwas klein für mein großes Mitteilungsbedürfnis.

Also ein Blog…

Wie ich letztendlich dazugekommen bin, Ärztin statt Reisejournalistin zu werden, um nach zwei Jahren an der Uniklinik festzustellen, dass es das einfach nicht ist… werde ich heute allerdings nicht erzählen. Heute soll es darum gehen, wie ich an einem einzigen Tag mein gesamtes Leben auf den Kopf gestellt habe.

Das klingt jetzt dramatischer als es ist. Es ist ja nicht so, dass mein Haus niedergebrannt ist, ich einen geliebten Angehörigen verloren habe oder ich Hunger leiden müsste. Und eigentlich soll das was folgt nicht dramatisch werden, sondern einfach nur beschreiben, was mich dazu gebracht hat, mit 27 Jahren mein Leben noch einmal zu überdenken.

Bis Anfang 2017 war ich nur gelegentlich zum Kaffee oder auf ein Radler in der Boulderhalle. Ein bisschen gebouldert bin ich auch… Aber Seilklettern? Davor hatte ich viel zu viel Angst. Nicht einmal im Toprope konnte ich bis ganz nach oben klettern.

Erst Ende April 2017 überwand ich meine Angst und ging mit an den Fels, um fernab meiner Boulderhalle auch mal mit Seil und Gurt ein paar Züge im echten Fels zu machen. Die Angst war schon noch da. Aber die Menschen die ich am Fels traf, waren ganz anders als die, die ich aus der Halle kannte. Faszinierend anders. Ich wollte das auch, was die da machten. Also ignorierte ich die Gedanken an reißende Seile und Gurte und beschloss, mit dem „richtigen“ Klettern anzufangen. Innerhalb kürzester Zeit war mein Ehrgeiz geweckt. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich sagte ja bereits… Großes Mitteilungsbedürfnis.

Jedenfalls wollte ich sehr schnell hoch hinaus. Ich hatte keine Ahnung von den Graden. Aber der Chefschrauber aus dem Café Kraft sagte, für 9- sollte meine Kraft schon reichen. Also mein Ziel für 2017: eine 9- klettern. Mein kletternder Kollege aus der Neurochirurgie belächelte mich mitleidig. „9-? Lena, fang jetzt erstmal an und lern wie man sich eigentlich einbindet. So schnell geht’s dann auch wieder nicht“.

Achso?! Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen.

Kurze Zeit später kletterte ich am 12.06.2017 meine erste 9-. Den „Red Porsche Killer“. Und nochmal etwas später meine erste 9, das „Seepferdchen“ (am 26.06.2017). Wie genau es dazu kam, welche Fehler ich gemacht habe, wie es sich angefühlt hat, die erste 9- abzuhaken, auch das kommt nochmal ausführlich.

Bis zum 17.07.2017 war ich jetzt fast jeden Tag klettern. Es gab kaum einen Tag, den ich nicht am Fels oder in der Boulderhalle verbracht habe. Wenn ich Nachtdienst hatte, schlief ich zwei Stunden, fuhr an den Fels, um dann abends wieder direkt in die Klinik zu gehen. Alle freien Tage waren sowieso mit Klettern verplant. Und wenn ich  mal niemanden finden konnte der Zeit hatte in die Fränkische Schweiz zu fahren ging ich eben zum Bouldern.

Aber nun zu den Folgen dieses Ehrgeizes. Das Seepferdchen hatte ziemlich am Anfang ein Einfingerloch, das ich mit dem linken Finger blockierte, um mit der rechten Hand an eine relativ weit entfernte und eher schlechte Leiste zu ziehen, von der aus man clippen konnte. Dieser Zug und der Clip waren meiner Meinung nach die Crux der Route. Der Zug „zog“ schon ordentlich an meinem linken Mittelfinger. Ich merkte bereits beim Durchstieg des Seepferdchens, dass die Belastung eigentlich noch sehr groß für meinen Finger war. Von ein bisschen Boulderei am Plastik waren meine Finger die Belastung einfach noch nicht gewöhnt. Aber die Route war machbar, also kletterte ich sie.

Die Glücksgefühle waren lange nicht so groß wie sie es waren, als ich den letzten Griff, einen Henkel, im Red Porsche Killer in der Hand hielt. Beim Red Porsche Killer war es noch so aufregend. Ich hatte ja keine Ahnung ob ich wirklich eine 9- klettern konnte. Ich wollte das auch vor allem machen, um meinem Kollegen zu zeigen, dass er falsch lag.

Die Tour ist größtenteils sehr kleingriffig, ein paar Untergriffe und ganz am Schluss ein kleiner Überhang. Zum Clippen der letzten Exe gibt es einen ganz wunderbaren Henkel. Als ich diesen letzten Henkel in der Hand hielt, wusste ich: ja, ich kann 9- klettern und ja, mein Kollege wird sich schon noch wundern (daher kommt übrigens auch „Der letzte Henkel“- aber das werde ich in einem anderen Beitrag genauer erzählen).

Beim Seepferdchen war die Arroganz dann aber schon so weit, dass ich gar nicht mehr daran dachte eine glatte 9 die mir liegt, nicht klettern zu können. Klar, sehr klassische 9er mit speckigen Tritten und dazu noch Slopern, das könnte ich sicher nicht so einfach. Oder was sehr steiles. Aber das Seepferdchen musste gehen. Es ging auch.

Danach kletterte ich erst einmal ein paar einfachere Sachen. Meine Finger waren jeden Morgen geschwollen und unbeweglich und ich bekam langsam ein Gefühl dafür, wie sich die Morgensteifigkeit eines Rheumatikers anfühlen muss.

Letztendlich konnte ich meine linke Hand kaum noch zu einer Faust schließen. Eine Kletterpause musste her.

Jedoch waren gerade mein Bruder und seine Freundin zu Besuch in der Fränkischen Schweiz. Die beiden konnte ich ja nicht einfach alleine zum Klettern schicken. Also entschied ich, noch diesen einen Tag mit zum Klettern zu kommen.

Das war der 17.07.2017.

Ich kletterte einen 7er zum Aufwärmen- das fühlte sich ungewohnt schwer an. Das „Achterle“, eine 8-, folgte gleich darauf. Am dritten Haken musste ich einen weiten Zug machen. Ich war völlig erschöpft von der Kletterei der letzten Wochen und es fiel mir wirklich schwer mit links zu blockieren. Ich wollte nicht loslassen, da ich nicht Stürzen wollte (mittlerweile habe ich meine Sturzangst überwunden. Aber damals war sie manchmal noch ziemlich ausgeprägt). Also stellte ich meinen Mittel- und Zeigefinger an einer abschüssigen Leiste links auf und setzte erneut für den Zug an.

Ich hörte ein lautes Krachen. Hielt weiterhin fest und rief zu meiner Sicherungspartnerin hinunter, sie solle aufpassen. Irgendwas bricht hier gleich aus dem Fels. Sie antwortete „hab’s gehört, alles klar“. Erneut ein Krachen. Ich sah verwundert auf den Griff den ich da festhielt. Eigentlich sah der Fels wirklich solide aus. War er auch. Beim dritten lauten Krachen verstand ich was da krachte. Es war mein linker Mittelfinger. Ich lies los und stürzte.

Am Boden fing meine Hand an zu pochen. Zuerst versuchte ich es zu ignorieren. Meine Worte reichten von „ach wird schon nicht so schlimm sein“ über “ ja vielleicht hab ich den Finger ein bisschen gezerrt“ zu „verdammte *** tut das weh“. Meinen Knoten bekam ich nicht mehr auf.

Ingrid band mich los. Ich sagte, es könnte ein paar Minuten dauern, bis ich weiterklettern kann.

Da setzten sich mein Bruder und seine Freudnin Ingrid rechts und links von mir auf den Felsvorsprung und versuchten mir Vernunft einzureden.

Während ich meinem Finger dabei zusah wie er immer dicker und farbiger wurde, begann ich zu verstehen. Da war was kaputt. Irgendwas war da richtig kaputt. Da brach meine Welt für mich zusammen.

Klettern war das, was mich glücklich machte. Es gab keinen Ort auf der Welt, an dem ich mich so frei, so selbstsicher und so gut fühlte wie am Fels. Noch nie in meinem Leben hatte ich mich so akzeptiert gefühlt wie in der Welt der Kletterer. Ich hatte Menschen gefunden, die meine Leidenschaft teilten. Ich hatte endlich das Gefühl, dazuzugehören. Das hatte ich noch nie.

Und mein Erfolg oder Misserfolg war ausschließlich abhängig von mir selbst. Unabhängig vom Wohlwollen anderer. Wenn ich stärker klettern wollte, musste ich mehr dafür tun. Wenn ich meine Grenzen verschieben wollte, musste ich hart dafür arbeiten. Alles was ich tat hatte Konsequenzen.

Herausforderungen, die nur ich alleine bewältigen konnte. Keine Vorgesetzten, bei denen ich mich einschleimen musste, um Erfolg zu haben oder gefördert zu werden. Nur ich selbst und mein Wille besser zu werden. Und das hatte ich mir jetzt kaputt gemacht? Einfach so? Es sollte doch nur noch dieser eine Tag sein, dann wollte ich doch Pause machen.

Die Pause war nun da. Eine Zwangspause. Die Ringbänder in meinem linken Mittelfinger wollten der Belastung einfach nicht mehr standhalten.

Ich kann gar nicht in Worte fassen wie verzweifelt ich war. Das mag für manchen verbissen und übertrieben klingen. Aber vielleicht kann ich im Laufe des Blogs erklären, warum die Kletterei so unbeschreiblich wichtig für mich ist.

Jedenfalls hatte ich mit dieser Zwangspause Zeit, alles noch einmal zu überdenken. Die etlichen Stunden in der Klinik. Wollte ich das überhaupt? Will ich dieses Leben? Eine Karriere in der Uniklinik? Irgendwann Ehefrau, Mutter, Oberärztin oder auch Chefärztin? Was fehlt mir in dieser Pause gerade am meisten? Die Klinik? Oder ist es das Klettern? Keine Sekunde habe ich daran gedacht, dass es sein könnte, dass ich mir eine Karriere als Neurochirurgin mit dem verletzten Finger kaputt machen könnte. Alles woran ich denken konnte war, dass ich so schnell wie möglich wieder an den Fels zurück wollte. Und dass ich meine Ziele höher stecken sollte.

Also kündigte ich meinen Job in der Neurochirurgie. Eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

4 comments

  1. Stefan says:

    Interessant und unterhaltsam – der Anfang einer Reise.
    Vielleicht hilft es auch, die eigenen Schwächen zu entdecken und loszuwerden.
    Auf jeden Fall freue ich mich auf die nächsten Blogeinträge !

  2. Alex says:

    Ich finde den Blog auch interssant, er spiegelt jetzt schon eigene Gedanke Ängste und Wünsche wieder…ich werde dran bleiben und ihn definitiv weitet verfolgen! 😀
    Good work, thumbs up!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.